Unwetter.

 

Messt die Leute nicht daran, was sie sagen, sondern daran, was sie tun. Die Leute reden, sie reden so viel, sie ersticken förmlich an ihrem eigenen Redeschwall. Wohin soll diese Dekadenz führen? In ein mittelalterliches Konstrukt, dass sich jeder logischen Denkweise entzieht und nur zur Belustigung eines jeden herhält?

Mit Wahnwitz und Tatendrang zum nächsten Oberbegriff: Liebe. Was bedeutet sie? Gibt es sie oder ist sie doch nur ein Hirngespinst, dass der Fortpflanzung dienlich ist? Nun, ich gebe zu, geliebt hätte ich gerne und einige Male hielt ich es für denkbar, dass ich es getan habe. Nicht diese Liebe, die menschlich greif- oder gar erreichbar ist, sondern diese Liebe, die in einem Trott aus Gefühlsduseleien und Selbsthass herumschwirrt und kaum einzufangen ist. Diese Liebe spürt ich nicht nur im Realen, nein, auch meine Träume waren gespickt mit diesem Drang zu lieben, Liebe zu spüren und Liebe zu bekommen. Ich sitze da, in meiner sehr martialisch eingerichteten Bude, rauche eine Zigarette nach der anderen, trinke einen Absinth, der einen sehr feinen Hauch von Anis in meinem Gaumen verbreitet und lausche den Klängen der George Baker Selection. Draußen stürmt es, der Wind donnert gegen meine Fenster, er will sie zerbrechen. Dieses Wetter stimmt mich nachdenklich. Es ist nicht wie ein schöner Sommernachmittag, mit Familie und viel Sonne, es ist wie eine mörderische Zurschaustellung der Natur, die uns Angst einjagen soll. Warum fühlt es sich so falsch an die Wahrheit auszusprechen? Dieses Wetter tötet Kinder, tötet Frauen und auch starke Männer. Niemand kann sich dem Tod entziehen, wenn er zum Zeitpunkt der Rache am falschen Ort ist. Merklich ist, dass ich mir über solche Kleinigkeiten nicht selten den Kopf zerbrechen. Die Leute nervt, was ich sage, sie können und wollen es nicht hören. Meine Gedankengänge überfordern sie. Das liegt nicht daran, dass sie selbst weniger intelligent als ich wären, sondern an sozialer Kompetenz, an der es mir mangelt. Ich bin lieber für mich. Diese Welt ist mir viel zu hektisch, zu aufbrausend. Energetisch bin ich, aufbrausend wohl eher nicht. Über meine Gefühle hülle ich einen Mantel des Schweigens, denn wer soll mir helfen? Niemand weiß was in mir vorgeht und wenn es jemand wüsste, würde ich Wochen über Wochen in einer Psychiatrie verbringen. Jeden Tag den widerlichsten Fraß in mich reinstopfen, Fernsehen schauen, das pure Elend, anderen Menschen beim Sterben zusehen und tausend Tode sterben bevor der Sensenmann meinen Leib irgendwann zu sich nehmen würde- danke, aber nein danke. Da geht es mir hier, in meiner miefigen Bude, die schön urig eingerichtet, kilometerweit entfernt von dem Geschehen in der Stadt und von den Einrichtungen her an die des Stanley Hotels aus Kubricks “The Shining” erinnern, besser.

Draußen schien sich nichts zu beruhigen. Der Sturm tobte, der Regen nahm kein Ende und ich blickte gelassen nach draußen. Das dritte Glas Absinth trank ich nun, ich spürte langsam die Wärme, die das Thujon in mir auslöste und ich lehnte mich zurück in meinem lederüberzogenen Altherrensessel. 40 Jahre alt bin ich, erlöst von Verpflichtungen. Nichtsdestotrotz fühlt sich der Alltag manchmal wie Stress an, wie ein Zwang, eine zermürbende Qual. Woran ich das fest mache? Man möge sich nur zu Gemüte führen wie anstrengend es ist, diese Bude in Schuss zu halten.

  

Liebe.

 

Ich habe Sand in den Augen. Die Nacht war lang. Einsam, und doch lang. Verzeiht es mir, wenn ich abschweife, aber das war eine verdammt geile Party. In meinem Sessel war es bequem gewesen, der Absinth ist meine Kehle sinnlich hinuntergeflossen und der Regen hatte in Kombination mit der herausragenden Musik, die ich auf Schallplatte hörte, eine tolle Wirkung.

Das Leben ist ´ne Party, wir reißen alles ab. Malle, du bist mega dapdadadap. 

Gilt das, was ich hier als Party bezeichne, auch als Party? Ne, oder? Wahrscheinlich nicht. Ist mir gleich. War auch keine Party. War scheiße, wenn ich ehrlich bin. Jeder Abend hier ist scheiße- wenn ich ehrlich bin. Wer ist daran schuld? Ich. Was mache ich dagegen? Nichts. Suhle ich mich gerne im Selbstmitleid und lasse ich meine miese Stimmung an meinen Mitmenschen raus? Nein, denn ich habe keine Mitmenschen, an denen ich meinen Frust auslassen könnte. Früher hatte ich eine Frau und ich übertreibe nicht, das war eine klasse Frau. Sie war gebildet, schön und hat mir hier oben auf den Bergen, auch an Abenden, in denen ich schon damals Absinth trinkend der George Baker Selection lauschend, alles schwarzgemalt habe. Dann schaute sie mich an und sagte Dinge wie: “Bruno, erinnerst du dich? Deutschland beim Eurovision Song Contest 1982?” Meine Antworten bei solchen Fragen waren stets mürrisch, unbetont und einsilbig. “Ne.” “Bruno! Du erinnerst dich!” “Ich war damals ein Jahr alt.” “Jeder kennt das Lied!” Dann schnaufte ich meist und gab eine noch viel ernüchternde Antwort. “Ich nicht.” Entweder war sie dann eingeschnappt und beleidigt oder (und das war öfters der Fall) sie begann zu singen.

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen
Und dass die Menschen nicht so oft weinen
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe,
Dass ich die Hoffnung nie mehr verlier

Ich liebte meine Frau. Sie hätte noch so alt und ranzig, ekelhaft und stinkend, auf dem Sofa, während dem Musikantenstadl, verwesen können- man glaube es oder nicht, ich hätte sie dennoch für die tollste und begehrenswerteste Frau auf diesem Planeten gehalten. Sie war stets darum bemüht mir alles recht zu machen und meine nihilistischen und misanthropischen Weltanschauungen, die ich auch schon damals zu genüge hatte, akzeptierte sie. Logisch, begeistert war sie davon nie, denn sie sah in dieser Welt kein furchtbares Höllenloch, dass kein Wesen, wenn es die Entscheidungsfreiheit hätte, freiwillig betreten würde; sie hielt unsere Umgebung für schön. Massenmorde, Kriege, Vergewaltigungen und Totgeburten- in ihrer Wahrnehmung alles nur Schein. Sie redete davon, ob am Esstisch oder auch beim Einkaufen, wenn sie eine alte Freundin traf, doch wahrhaben wollte sie es nicht. Wenn ich es auskotzte, badete sie sich in der Kotze und empfand das als Segnung Gottes. Ich war für meine Frau ein Gott.

Ich erinnere mich an einen Abend, da saß ich mit ihr am Esstisch. Der Ort, wo sich über Massenmorde, Kriege, Vergewaltigungen und Totgeburten ausgekotzt wurde. Wir aßen Gulasch. Ich hasse Gulasch. „Schatz, hast du mal darüber nachgedacht mit mir in den Urlaub zu fliegen? Wir sitzen immer nur hier, auf dem Berg. Versteh´ mich nicht falsch, bitte nicht, ich liebe es mit dir hier zu sein, aber es doch ziemlich…“ Ich ließ sie nicht ausreden. „Was ist es hier? Ich finde es hier schön. Idyllisch, ruhig und abgelegen. Mir gefällt es hier.“ Sie stockte. Ich merkte ihr an, dass es ihr sehr unangenehm war, das anzusprechen. „Mausi, ich sehe das auch so. Hier ist es toll, keine Frage. Aber ein Urlaub ist ja zeitlich begrenzt und eine Woche auf den Malediven oder in Spanien wäre großartig. Wir könnten am Strand liegen, Händchen halten. Es wäre sooo romantisch.“ Ich tunkte meinen Löffel tief in das Gulasch. „Liebes, du weißt, wie sehr ich Urlauber verabscheue.“ Ein kurzer Moment der Stille. „Du verabscheust die Urlauber, nicht aber den Urlaub.“ In mir kochte es.  Damals wurde mir diese Ambivalenz, die meine Beziehung zu ihr untermauerte, klar und deutlich. Sie versetzte mich in Rage. Erst setzt sie mir diesen widerwärtigen Fraß vor, meint es wäre für mich ein Genuss und dann will diese dumme Schlampe mit mir in den Urlaub? Geht’s noch?
Ich gebe zu, meine Wutausbrüche waren in den meisten Fällen völlig ungerechtfertigt. Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, dass Urlaube nicht nur ein egoistisches Unterfangen sind. Man geht auch in den Urlaub, um Zeit mit Personen zu verbringen, die man liebt, wertschätzt, mit denen man sonst viel zu wenig Zeit verbringt. Ich sah meine Frau nur abends, dafür allerdings jeden Abend. Ich arbeitete nicht. Sie brachte das Geld nach Hause, das war bei uns kein Akt ausufernder Emanzipation oder dergleichen, es war normal. Und ich war faul. Ich bin faul. Sie arbeitete bei der Bank. Sie verdiente gut. Was sie genau dort tat, erzählte sie mir oft. Zugehört hatte ich nie. Viel zu beschäftigt war ich mit meinen eigenen Problemen, die, wenn ich es mal nicht als Euphemismus verpacke, relativ gravierend waren. Wie man anhand meiner Stimmungsschwankungen und dieser unerträglichen Ambivalenz schon erahnen konnte, litt ich, und ich leide darunter nach wie vor, es hat sich nichts an dieser Scheiße geändert, an einer bipolaren Störung. Diagnose: arbeitsunfähig. Sozialschmarotzer. Widerliches Pack.

Der dumme Hurensohn sitzt da oben auf nem Berg und lässt sich von seiner Frau verhalten und bekochen. Soll er sich ficken. Weißte noch damals? Da war´n wa in der Schule mit dem. Der war doch damals auch ´n Versager. Hat gemeint, wir wären die Versager. Dummer Hurensohn. Der hat damals geschnorrt. Glaubste dem hat einer was gegeben? Nur die Dummärsche haben diesem Hurensohn auch nur einen Pfennig gegeben. Einmal, da hat er mich gefragt. Ja, gibste mir was? Nur eine Mark? Und ich hab ihm gesagt, dass ich ihm nix geben werde und selbst das ist schon zu viel für ne Type wie den. Hab dem oft jenuch wat gegeben. Der hat mich jeschlagen, sach ich dir! Jeden scheiß Tach jeschlagen! AUFS KLO GEZERRT MICH DER DUMME HURENSOHN! Dummer Hurensohn! Dieser dumme Hurensohn hat mich ins Krankenhaus jeschlagen!

Der Kaffee schmeckt nicht. Das Frühstück schmeckt nicht. Heute nicht. Hat es gestern geschmeckt? Vielleicht. Jedenfalls ist es viel zu spät, um zu frühstücken. Doch es lohnt sich nicht, mitten in der Nacht aufzustehen, um dann mittags vor lauter Müdigkeit zusammenzubrechen. Ich vermisse sie. Meine Frau. Mein Gretchen. Mein Liebchen. Sie ist gestorben. Lange und viele Male.

An dem Tag, an dem sie endgültig die Welt der Lebenden verließ, war nichts mehr wie zuvor. Da wusste ich, dass sie nie wieder, nein, nie, nie wieder in dieses schöne Haus auf dem Berg zurückkehren würde. Ihr lebloser Körper war da, doch sie nicht mehr. Ich ließ sie liegen. Ihr Leichnam stank. Penetrant. Ich ließ ihn im Wohnzimmer liegen, dort, wo sie gestorben war. Der Polizei meldete ich, sie sei verschwunden. Kontakt zur Außenwelt hatte auch sie nur bei ihrer Arbeit. Die glaubten natürlich auch daran, dass sie verschwunden war. Es gibt viele Wahrheiten, doch nur eine entpuppt sich als wahr. Meine Wahrheit war angenehmer als die Wahrheit, die mir die Realität vormachte und deshalb sitze ich immer noch da und bete, dass diese Wahrheit bald zu einer Wahrheit wird, die auch das Kollektiv als solche akzeptiert.

Feierabend.

 

Heute vor einem Jahr

 

Bruno saß in seinem Sessel, starrte in den Fernseher. Was er sich dort anschaute, wusste er wahrscheinlich selbst nicht, er ließ sich berieseln. Er hörte, wie sich die Haustür öffnete. Sie knarzte, denn es handelte sich um eine alte Holztür. „Schatz, ich bin wieder da! Ich hab uns extra eine Forelle besorgt, die können wir gleich zu Abend essen.“ Gretchens piepsend hohe Stimme schallte durch alle Räume, bis ins Wohnzimmer, in dem Bruno saß. Er hatte heute gute Laune. „Oh, das ist wunderbar. Vorhin dachte ich noch daran, dass wir viel zu selten Fisch essen. Gretchen, du kannst Gedanken lesen!“ Sie stolzierte mit ihren hohen Louboutins ins Wohnzimmer. Sie trug ein schwarzes Kleid, ihre Beine schienen kein Ende zu nehmen. Die roten Sohlen der Louboutins reflektierten auf dem lackierten Holzboden. „Na, ich seh´ sexy aus, nicht wahr? Ich hab mich extra für dich hübsch gemacht, weil ich weiß, wie sehr du es liebst, wenn ich dieses Kleid trage. Darunter trage ich nichts.“ Bruno grinste sie an. „Wollen wir heute Forelle essen oder soll ich dich knallen?“ Plump, aber effektiv. Gretchen liebte Brunos gute Laune. So war er nur selten zu ihr. Oft ignorierte er sie, oder schlimmer noch: er beschimpfte, bespuckte und schlug sie. „Die Forellen, die ich gekauft habe, können warten.“ Bruno öffnete seine Hose und holte seinen Penis raus. Er war steif. „Auf Romantik hab ich heute keine Lust“, ließ er Gretchen wissen. Gretchen empfand das als nicht ungewöhnlich, es wäre eher ungewöhnlich gewesen, wenn Bruno nach Blümchensex gefragt hätte. Das war nicht so sein Ding. „Romantik ist nichts für uns! Wir hassen Romantik! Wir hassen sie, wie die Pest!“, schrie Gretchen, um ihm zu imponieren.

Auf dem Couchtisch lag ein Küchenmesser, dass Bruno dort schon vor Stunden platziert hatte. Er rammte es in Gretchens linkes Auge. Das Blut spritzte durch das komplette Wohnzimmer. Gretchen schrie. Bruno zog das Messer aus dem Auge heraus, um es ein paar Sekunden später in ihr linkes Auge zu rammen. „Na, gefällt dir das, du Schlampe? Sag es nochmal, ja, sag es nochmal! Wir hassen Romantik! WIR HASSEN ROMANTIK!“ Er zog das Messer wieder raus. Gretchen, die nichts mehr sehen konnte, war mittlerweile auf ihren Louboutins ausgerutscht und lag wimmernd am Boden. „Bruno, hör auf, ich liebe dich. Ich würde alles für dich tun. Alles! Aber töte mich nicht, oh bitte, töte mich nicht!“ Brunos lange Haare hingen ihm ins Gesicht. Er trug einen weißen Bademantel, der nun durch die Blutspritzer bekommen hatte. Auch seine Badelatschen waren von dem Blut nicht verschont geblieben. Bruno schnaufte. „Ich liebe dich auch, oh ja, ich liebe dich auch, Gretchen. Du bist alles, was ich habe, du kleine Schlampe. Ich will dich nur für mich. Kein anderer Bastard soll dich ficken. Nur ich will dich ficken.“ Bruno zog sie an ihrem Kleid durch das Wohnzimmer in die Küche. Die Küche der beiden war, genauso wie ihr restliches Haus, sehr urig eingerichtet. Alles war aus Holz, sehr rustikal. Bruno packte sie am Zopf und hielt ihren Kopf an die Brotschneidemaschine, um ihr schließlich die Schädeldecke abzusägen. Solang sie noch lebte, schrie sie. Doch schnell war sie tot. Er genoss die Macht. Doch das widerte ihn an. Hektisch rannte er zum nächstbesten Spiegel im Flur.

Bruno, du hast Gretchen getötet! Warum hast du das getan?

Mit diesen Gedanken rammte er sein Glied in ihr Fleisch.

 

Dietmar.

 

Ein paar Tage nach dem Mord an Gretchen

 

Dietmar glaubte nicht daran, dass Gretchen verschwunden war. Er spürte, dass ihr etwas Tragisches widerfahren sein musste. Er kannte sie sehr gut, er war zwar nur ihr Chef in der Bank, ein gewöhnlicher Filialleiter, aber hatte immer einen Draht zu ihr gehabt. Von ihr wusste Dietmar, wie sehr sie unter ihrem Mann Bruno litt. Sie wollte oft Überstunden machen, teilweise musste er sie dazu zwingen nach Hause zu gehen. Hinzu kommt, dass Dietmar und Bruno sich kannten. Beide gingen gemeinsam zur Schule. Bruno hat Dietmar damals gemobbt, auf drakonische Art und Weise. Wo andere aufhörten, fing Bruno an. Er schnorrte und gab man ihm kein Geld, gab es brutale Drangsalierungen. Dietmar wurden damals von ihm Dinge wie Ich hasse mich, denn meine Mutter ist eine Hure in den Arm geritzt. Man sieht es bis heute. Als er erfuhr, dass sich Gretchen auf ihn einließ und ihn sogar heiratete, wurde ihm schlecht.

Dietmar sprang in seinen Wagen, einen alten Opel Kadett, und fuhr den Berg hinauf, auf dem Bruno und Gretchen ihr Haus hatten. Die Straße, die den Berg hinaufführte, war uneben, steinig und bedarf dringend einer Sanierung.  Äste ragten aus den Bäumen empor, die Sonne verschwand im Nichts. Das konnte kein Ort sein, an dem man gerne lebt. Zumindest nicht Gretchen, dachte sich Dietmar. Sie war noch vor wenigen Jahren so quicklebendig gewesen, voller Tatendrang. Jeden Tag kam sie mit einem breiten Grinsen zur Arbeit. Nicht so die letzten Jahre. Sie war immer noch die Gleiche, ganz definitiv, aber in ihr war etwas gestorben. Sie war öfters krank, über längere Zeiten gereizt und schlichtweg nicht das junge Fräulein, dass er damals eingestellt hatte. Diese übermotivierte Bankkauffrau, die im Kopf vielmehr ein Bankkaufmädchen war. Dietmar, der nie Glück mit Frauen gehabt hatte, liebte sie. Ihre riesigen Brüste, die stets ihre Oberteile schier zum Platzen brachten, die tollen Schuhe, die sie trug, die gepflegte Haut und der umwerfende Duft, das brünette Haar und… Fassen wir uns kurz, Liebe war doch eventuell das falsche Wort. Er fand sie geil. Zu geil. So geil, dass er Bruno hätte köpfen können. Dieser Schlappschwanz hatte eine Traumfrau wie Gretchen doch gar nicht verdient, dieser Schlappschwanz hätte eine Penisamputation verdient! Und sollte Dietmar nun Bruno in dessen Haus antreffen und Gretchen sollte auch nur das geringste zugestoßen sein, so schwor er sich, würde er das beste Stück dieses Waschlappens mit einer Heckenschere abschneiden und irgendwelchen Straßenkötern zum Fraß vorwerfen.

Dietmar fuhr nicht. Er raste mit seinem Opel Kadett. So schnell diese alte Benzinschleuder fahren konnte, so schnell fuhr er auch.

Ich schneide diesem Hurensohn den Schwanz ab. Ja, ich schneide diesem Hurensohn den Schwanz ab. Den Schwanz schneide ich diesem Hurensohn ab.

Er war da. Das große, altertümliche, im viktorianischen Baustil gehaltene Haus, indem er Bruno vermutete, war vor ihm. Es wirkte wie tot. Kann ein Haus sterben oder ist es nicht immer schon tot?

 

 

 

Konfrontation.

 

Dietmar klingelte. Die Haustür war rot, schön verziert. Bruno öffnete. Bruno sah fertig aus. Er trug einen dreckigen Pyjama mit Häschen-Muster und Pantoffeln, die eines Tages gelb gewesen sein mögen, doch so ausgebleicht waren, dass man auch vermuten hätte können, sie wären weiß. Dietmar, der eine sehr kratzige, raue Stimme hatte, kam gleich zur Sache. „Bruno, rück mit der Sprache raus. Hast du sie getötet?“ Dietmar sah Bruno tief in die Augen, um ihm die Wahrheit zu entlocken. Bruno blieb gelassen. „Wen soll ich getötet haben?“, fragte er. Wie als würde er das nicht wissen, dachte sich Dietmar. „Du weißt, von wem ich rede. Es geht um Gretchen.“ Bruno kratzte sich am Kopf. „Gretchen ist verschwunden, ob sie tot ist, weiß nur der liebe Gott. Und jetzt hör auf mir auf die Nerven zu gehen, mich belastet das schon genug.“ Er versuchte die Tür zuzunehmen, doch Dietmar unterband das, indem er seinen Fuß zwischen Tür und Rahmen stellte. „So leicht kommst du mir nicht davon, du Mörder.“

Bruno zögerte nicht lange und rammte Dietmar den Kugelschreiber, den er in seiner Hand hatte, in die Hauptschlagader. Ein lauter Schrei hätte in anderen Gegenden die Nachbarn aufhorchen lassen, doch hier gab es keine Nachbarn. Er zog die Leiche von Dietmar, die noch fröhlich vor sich hin zuckte, durch die Tür in sein Wohnzimmer, wo er sie fein säuberlich aufs Sofa legte und zudeckte. Nicht, dass ihm kalt wird, das wollen wir nicht. Bruno ging in die Küche, setzte eine Kaffee auf, zündete sich eine Zigarette an und summte fröhlich eine schöne Melodie, die ihm spontan einfiel. Nachdem er seine Zigarette zu Ende geraucht und seinen Kaffee getrunken hatte, lief er in den dunklen Keller und holte aus diesem seine Kettensäge, um Dietmar in seine Einzelteile zu zerlegen, solange er noch frisch war. Man will doch nichts verkommen lassen! Seine schwarzen Lederhandschuhe trug er nur dem Stil wegen, wenn ihn jemand dabei entdecken würde, wie er Dietmars Leiche zersägte, wäre es doch sehr unhygienisch, wenn er dabei keine Handschuhe tragen würde.

Akzeptanz.

 

01.11.2020

Liebes Tagebuch,

Ich weiß, es ist albern in meinem Alter noch in einem zerfledderten Buch, dass ich nun schon seit frühester Kindheit an besitze, zu schreiben. Du weißt, dass ich deine Dienste seitdem auch nicht mehr in Anspruch genommen habe- ich hatte nicht viel zu erzählen. Mein Leben mit Gretchen war schön. Was gab es da großartig zu erzählen? Sie ging zur Bank, arbeitete dort ihre acht Stunden ab und versüßte mir den Abend mit leckerem Essen, den ich manchmal mies gelaunt, wie ich es oft war, als „Fraß“ titulierte. Alle paar Tage hatten wir Sex. Himmlischen Sex. Zumindest zu Beginn. Doch oh Tagebuch, wir waren anständig gewesen. Ja, Anstand trifft es gut. Blümchensex war es nicht. Eher ekelhaftes Zeug. Deepthroating und Arschficken. An guten Tagen hab ich auch teils ihr enges, kleines Fötzchen gefistet. Der Arsch war tabu, doch mit dem Fötzchen hatte ich meinen Spaß. Doch ich schweife ab, oh Tagebuch, es sind traurige, entsetzliche Dinge passiert. Gretchen und Dietmar sind gestorben! Was ist mit ihnen passiert? Ich weiß es nicht. Dietmar mochte ich nie, diesen alten Steckdosenbefruchter, doch was ihm passiert ist, wage ich nicht in Worte zu fassen. Seine Körperteile lagen in meinem Keller! Gretchen fand ich, ohne Schädeldecke und mit einem Messer im Auge, bei mir im Wohnzimmer auf dem Boden liegend. Bei mir spukt es. Ich weiß es. Ich und sie waren hier immer allein. Doch was hatte Dietmar hier verloren? Kann mir das einer erklären?  Jedenfalls habe ich mich dagegen entschieden diese tragischen und enorm beunruhigenden Vorkommnisse der Polizei zu melden. Das würde nur die mediale Aufmerksamkeit auf mich lenken. Ich bin Bruno. Gewöhnlich, gewöhnlicher als die meisten. Das mag ungewöhnlich sein. Ich gestehe. Die Gefühle, die nun in mir toben, sind unbeschreiblich. Ich spüre Trauer. Und Ekel. Die Leichen stinken. Sie stinken penetrant. Gestern versuchte ich dem Gestank mit Duftkerzen entgegenzuwirken und den Maden vielleicht den Appetit zu verderben. Es hat nicht funktioniert. Ich weine und kotze. Weine und kotze. Mein Teppichboden wurde geflutet von Tränen und Kotze. Was eine Perversion das doch ist. Ich lebe friedlich. Ich BIN friedlich.

Oh Tagebuch, erlöse mich. Bitte erlöse mich.

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