Graue Verderbnis zog über das Land und ein jeder blickte aus dem Fenster, um dem Spektakel die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Die Kälte bohrte sich hartnäckig durch jede noch so stark isolierte Hauswand, es gab keinen Ausweg mehr. Decken brachten nichts mehr und Heizungen gaben ihren Geist auf. Die Verderbnis erfüllte die Menschen mit Furcht. Diese immense Furcht durchbohrte ihre Schädel wie ein Akkubohrer und nahm ihnen den Glauben an einen Sinn im Leben. Wohin das Auge reichte, sah man die Leute wimmern und schluchzen, sie schrien um ihr Leben. Das Leben war nirgendwo zu sehen, der Tod hatte die Überhand gewonnen. Pure Depression überströmte die Wiesen, Wälder mutierten zu gigantischen Friedhöfen und Beerdigungen wurden zu prunkvollen Festen.

Karl dachte nicht nach. Das sei Zeitverschwendung, hatte man ihm gesagt. Früher hatte er immer gedacht, über dieses und jenes, über Gott und die Welt. Er selbst war sich nie so sicher gewesen, welcher Religion er sich zugehörig fühlen sollte. Die Lösung seines Problems lag jedoch auf der Hand und war zum Greifen nah: er musste nur die Eliminierung der Gedanken in die Gänge leiten. Zweifelsfrei glaubte er fortan alles, was man ihm sagte, denn das Hinterfragen würde seine ohnehin schon strapazierten Nerven zum Glühen bringen. Kippe an, Gefühle und Gedanken aus, ein Blick aus dem Fenster, wieder hinab zu seinem halbvollen Teller. Sein Kopf schwenkte zu der Tasse Kaffee, die so majestätisch vor ihm stand. Einen winzig kleinen Schluck würde er sich genehmigen und der würde dann auch reichen. Er griff nach der Tasse, hob sie hoch und genoss ihre Form, ihre Normalität. Sie war das, was er suchte, nie gefunden und endlich eine Bedeutung für ihn bekommen hatte. Als er es wagte einen Schluck aus dieser so erhabenen Tasse zu nehmen, spürte er wie ihr Inhalt mit brachialer Hitze seinen Hals verbrühte. Die Wärme gab ihm Kraft und doch spürte er Schmerz. Karl hatte Angst.

Die graue Verderbnis zog unerbittlich weiter, sie nahm keine Rücksicht auf Verluste. Ihr überaus großes Ego ermöglicht es ihr aus einer Dorfmatratze ein Bettenlager und aus einer Professorin eine Schulverweigerin zu machen. Sie trieb die Menschen zu Dingen, die sie zuvor nie getan hätten, nahm ihnen alles, was sie hatten und tunkte es in Pech. Dieses eine Mal würde nicht die Positivität siegen, die die Menschen sonst davon abhielt, sich das Leben zu nehmen, nein. Dieses eine Mal würde die Verderbnis jeden in den Suizid treiben. Maßloser Konsum hatte die Menschen vor diesem alles tötenden Schicksal bewahrt, doch die Menschen hatten sich der gesunden Selbstzerstörung verweigert. Heil der Verderbnis.

Karl zog los, um sich seinem Feind zu stellen. Der Schattenpriester war gekommen, um ihn zu holen. Hinauf in die weite Welt des Glaubens, hinauf die Unsterblichkeit. Um Gottes Willen, das wollte Karl nicht. Das Messer, dass sein Herz durchbohrte, wurde von seiner Hand geleitet und das Blut spritze in Fontänen aus ihm heraus. Die Verderbnis hatte gesiegt. Die Veränderung war gekommen.

written by Lil Bunna

Datenschutz