Sie reden viel. Sehr viel. Manchmal auch zu viel. Ich war mir nie dessen bewusst. Was die Leute reden? Egal. Immer doch. Warum auch nicht? Ich blicke ins Leere und sehe genau das, was mich zu dem macht, was ich bin. Eine kahle Wand. Weiß wie die Unschuld. Mein Schatten so schwarz wie die Sünde. Die Sünde, die ich jeden Tag aufs Neue begehe und keiner bemerkt. Außer ich. Ich weiß, dass es von Grund auf falsch ist. Immer schon. Doch die Leute reden nicht darüber. Sie reden nicht über mich. Sie reden über ihn, denn mich kennen sie nicht. Gewiss nicht. Wie auch? Die Leute und ich? Grundverschieden. Anders. So derart anders. Unaushaltbar anders. Wie ich sie betrachte, es ist ein ganz anderer Blickwinkel. Ein Blickwinkel aus welchem alles sich anfühlt wie ein Sägeblatt, welches einem in Windeseile die Hand entwendet. Sie sehen alles wie in Karamell getunkt, so süß, so lieblich, so wunderbar. Unglaublich. Wie konnte ich diese Adjektive nie verwenden um dieses grässliche Loch, was sich Welt schimpft, zu umschreiben? Gebt mir eine Antwort, ich leide Höllenqualen. Meine Seele ist nichts weiter als ein zerbrochenes Glas aus Gefühlen und Gedanken.

„Sei nicht immer der Miesepeter!“, blökte er mir ins Gesicht. Halt die Fresse, dachte ich mir. Was ich sagte? „Ich ergötze mich an deiner guten Laune und sitze deshalb hier wie ein Stein. Kein normaler Stein. Gefroren wie mein Herz und leuchtend wie ein Stern.“ Es hagelte eine Backpfeife. Als ich traurig, versehen mit einem dunkelblauen Auge, nach Hause lief, blickte ich die Laternen an, die mir den Weg wiesen. Noch einmal rechts abbiegen und ich war da. Der Schlüssel fiel ins Schloss, ich öffnete die Tür. Dieses Ungetüm an Mutter stand vor mir und war im Inbegriff mich zu verschlingen. Ich wusste, sie würde es tun. Sie tat es immer. Sie verschlang mich und meine Gefühle, um sie dann in ihrem Kot an die Kanalisation unserer Stadt weiterzugeben. „Wo warst du und warum hast du ein blaues Auge?“, fragte sie mich. Ich fühlte mich wie in einem Verhör, gefangen in einer Welt der Ungerechtigkeit wie in Kafkas „Der Prozess“. „Ich war noch draußen mit ein paar Leuten und nun jaa… es gab eine kleine Meinungsverschiedenheit.“ Sie ballte ihre Fäuste zusammen. „Ahja und du kleines Balg bist nicht in der Lage gewesen diesen Konflikt verbal zu lösen?“ Ich zuckte zusammen. „Ich schon, aber er nicht.“ Sie musterte mich. „Du bist so ein Taugenichts. Ich wünschte mir, du würdest endlich verrecken.“ So zog meine Mutter von dannen in die Weiten des Wohnzimmers, wo sie sich wahrscheinlich den Rest des Abends auf dem Sofa sitzend stinklangweilige Krimis ansehen würde.

Ich saß in meinem Zimmer und mir war klar, dass dieses Universum nicht für mich bestimmt war. Ich gehörte hier nicht hin, nicht zu diesem Monster, nicht zu diesen Lackaffen. Neben mir war das Fenster, durch welches ich stets sehen konnte wie glückliche Jugendliche umherliefen und wild pöbelten. Dreckspack. Ich musste etwas tun. Ich musste das Fliegen erlernen. Weit hinaus wollte ich fliegen. Sky is the limit. Und so öffnete ich das Fenster und flog. Nie wieder würde ich hier sein. Nun war ich sie los und sie mich. Ich flog in eine neue Welt. Eine Welt, so süß wie Karamell.

 

written by Lil Bunna

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